Familienstrafe statt Heiratsstrafe – Gastkommentar von Käthi Kaufmann-Eggler

Alle sind sich einig: Die Heiratsstrafe muss beseitigt werden. Und der Ruf nach Individualbesteuerung klingt gut: Gleichberechtigung, individuelle Unabhängigkeit, wirtschaftliche Produktivität und nicht zuletzt weniger Steuern. Allerdings trügen diese vielversprechenden Verheissungen. Fakt ist, dass niedrige Einkommen bei den Bundessteuern wenig belastet sind. Bei 70'000 Franken steuerbarem Einkommen beträgt die Steuer pro Monat 83 bis 1'000 Franken im Jahr. Die Heiratsstrafe spielt da kaum eine Rolle.

Das Problem sind jedoch die Familien – vorab die kinderreichen. Und es sind viele. Die Hälfte der Wohnbevölkerung lebt in einem Haushalt mit Kindern, rund 4,5 Millionen Menschen. Nur 26,8 Prozent der Privathaushalte sind gemäss einer BfS-Strukturerhebung Paare ohne Kinder. Eine vierköpfige Familie mit 70'000 Franken durchzubringen, ist schwierig. Nach Steuern, Sozialversicherungen, Gebühren und Prämien bleiben für Wohnen und Lebensunterhalt noch rund 4'000 Franken. Beim Wohnen bleibt nur die Flucht aufs Land.

Sind es drei und mehr Kinder, so wird ein höheres Einkommen nötig. Und genau hier schlagen die Nachteile der Individualbesteuerung voll durch. Abgestraft würden «traditionelle» Familien, bei denen nur ein Elternteil (meist der Vater) erwerbstätig ist oder der zweite Elternteil (meist die Mutter) nebst dem Hauptverdiener nur ein kleines Einkommen hat. Profiteure wären Doppelverdiener-Paare mit zwei hohen Einkommen – am besten im Verhältnis 50/50.

Ein solches Paar mit je 100'000 Franken Einkommen zahlt heute 6726 Franken Bundessteuer. Mit der Individualbesteuerung wären es noch 2696 Franken. Bei einer Aufteilung 75/25 –

der Vater verdient 150'000 und die Mutter 50'000 Franken – müsste die Familie bei zwei Kindern neu 5'696 Franken zahlen. Das wäre eine minime Entlastung, aber noch immer doppelt so viel wie beim Paar mit der 50/50-Aufteilung. Ist der Vater Alleinverdiener mit demselben Einkommen von 200'000 Franken, so wären es neu gar 11'317 Franken Bundessteuern – viermal so viel wie beim 50/50-Modell.

Die Individualbesteuerung will Familienstrafe statt Heiratsstrafe. Während sie zur Arbeit gehen, werden die Kinder «institutionell fremdbetreut». Dies widerspricht der liberalen Idee einer freien Wahl des Familienmodells. Familienarbeit ist wertvolle Arbeit – auch wenn sie nicht im Lohnausweis erscheint. Für Mütter kinderreicher Familien ist es oft unmöglich, nebst dem Familienmanagement noch einer aufwendigen Erwerbsarbeit nachzugehen. Die Doppelbelastung macht sie krank. Es gibt Spannungen, und Familien zerbrechen. Bestraft werden auch jene, die zu Hause ältere oder kranke Familienangehörige pflegen.

Oft heisst es, nur ganz wenige würden durch die Individualbesteuerung benachteiligt, nur ein kleiner Teil sehr gut Verdienender zahle etwas mehr. Unterschlagen wird dabei, dass die Individualbesteuerung auch von Kantonen und Gemeinden umgesetzt werden muss. Und dort sind die Belastungen noch

völlig offen. Auch der Steuerrechner ist deshalb irreführend. Die Auswirkungen auf kantonaler und kommunaler Ebene sind ja noch gar nicht berechenbar. Der Rechner berücksichtigt deshalb nicht einmal die Hälfte der effektiven Mehrbelastung, die ein Systemwechsel für Familien, Rentnerpaare und Alleinerziehende bringt.

Hinzu kommen viele Unsicherheiten: Das Vermögen wird jedes Jahr aufgeteilt. Was passiert mit Liegenschaften oder Wertpapieren? Wem werden einkommensabhängige Sozialleistungen wie Prämienverbilligungen zugeteilt? Wer trägt die Krankheitskosten der Kinder, und was ist mit den Kinderabzügen, wenn die Mutter kein Einkommen hat?

Zur Abschaffung der Heiratsstrafe haben viele Kantone einfache Lösungen gefunden wie etwa das Splitting. Die Individualbesteuerung jedoch ist ein ideologisches Prestigeprojekt – mit verhängnisvollen Folgen für viele Familien.

Käthi Kaufmann-Eggler ist Präsidentin der Interessengemeinschaft kinderreicher Familien (IG Familie 3plus).

Aus dem E-Paper der NZZ vom 11.02.2026

 

Webseite der Allianz: nein-zur-individualbesteuerung.ch

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