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Immer mehr Schweizer Eltern haben drei und mehr Kinder - und geniessen die Geborgenheit häuslicher Gemeinschaft. Vier Paare erzählen, was sie dazu bewogen hat, sich ins Abenteuer Grossfamilie zu stürzen.
Familie Bütler aus Zürich

Zuerst kam Aljoscha. Und Marc Caprez hielt es nicht für möglich, ein weiteres Kind so sehr zu lieben wie dieses kleine Geschöpf. Doch dann kam Vasco. Und später kamen Pablo, Gion und Anna. Die Zweifel waren verflogen.
Seit Aljoschas Geburt sind 15 Jahre vergangen. Mit jedem Tag faszinierte Marc Caprez das Leben mit seiner Frau und den fünf Kindern mehr: «Es ist ein echtes Abenteuer zu erleben, wie sich jedes meiner Kinder zu einer anderen, eigenständigen Persönlichkeit entwickelt.»
Mit ihrer Lust auf ein kinderreiches Abenteuer sind Marc und Jeanne Caprez nicht allein. Immer mehr Eltern verwirklichen sich ihren Wunsch nach einer Grossfamilie. Das bedeutet nicht, dass die Schweiz im Verlauf der nächsten Jahre von Kindern überbevölkert sein wird. Mit einer Geburtenziffer von 1,52 Kindern pro Frau liegt sie nah am westeuropäischen Schnitt von 1,6 Kindern pro Frau.
Diese relativ tiefe Zahl rührt daher, dass sich Paare vermehrt entweder für nur eines oder gar keine Kinder oder aber für viele Kinder entscheiden. So wagen seit den Neunzigerjahren immer mehr Eltern den Schritt aus der klassischen Zwei-Kind-Familie zur Grossfamilie.
Sichere Insel in unsicherer Welt
Von 1990 bis zum Jahr 2000 war die Zahl der Eltern, die mit drei und mehr Kindern in einem Haushaltleben, um rund zehn Prozent gestiegen. Aktuelle Zahlen zu den Familienhaushalten stehen zwar noch aus, doch scheint sich der Trend fortzusetzen. Denn seit 2007 bekmmen laut Bundesamt für Statistik immer mehr verheiratete Frauen ihr drittes Kind. «Die Familie liegt den Menschen wieder stärker am Herzen als früher», sagt der Zürcher Soziologieprofessor François Höpflinger.
Noch vor 30 Jahren standen sich viele selbst am nächsten und liessen es nur ungern zu, dass andere über ihr Leben bestimmten. Deshalb vertagten sie die Familienplanung oder verzichteten ganz darauf. Wer sich zu jener Zeit für eine Grossfamilie entschied, musste mit befremdlichen Blicken rechnen, wenn er mit seiner Kinderschar am See spazieren ging. Das ist heute anders.
So fühlt sich die dreifache Mutter Kristina Brun keineswegs wie eine Exotin. «Eine grosse Familie ist heute nichts Besonderes mehr, in meinem Umfeld haben die meisten Paare drei Kinder», sagt sie.
Nach dem starken Trend zu Individualität und Selbstverwirklichung zeichnet sich seit den
Neunzigerjahren ein Gegentrend ab. «Der moderne Mensch wünscht sich zunehmend traditionelle Werte», sagt François Höpflinger. Gerade in wirtschaftlich schlechten Zeiten erkennen viele, dass Geld allein nicht glücklich macht. «Stattdessen wünschen sie sich Emotionalität und Intimität. Und die finden sie in der häuslichen Gemeinschaft.»
In einer Welt, in der Erdbeben ganze Länder erschüttern und Aktienkurse von einer Sekunde zur nächsten ins Bodenlose sinken, sucher der Mensch nach verbindlichen Werten. «Die Familie dient ihm als sichere Insel in einer unsicheren Welt»,sagt der Luzerner Zukunftsforscher Georges T. Roos. Und für diese Insel sind sie bereit, tief ins Portemonnaie zu greifen. Rund eine halbe Million Franken kostet ein Kind seine Eltern bis zum 20. Geburtstag. Teuer sind nicht nur die grossen Anschaffungskosten nach der Geburt, sondern vor allem die Ausbildung und die Hobbys des Teenagers. Je älter das Kind, desto mehr Geld kostet es.
Doch diese kalten Fakten sind schnell vergessen, wenn man das erste Baby im Arm hält. Stattdessen wächst der Wunsch nach mehr: Nach dem ersten kommt das zweite, dann das dritte und vielleicht sogar ein viertes Kind. Damit sind Herr und Frau Schweizer in bester Gesellschaft.
Prominente Bilderbuchfamilien
Die Schönen und Reichen in Hollywood machen es vor: Fussballprofi David Beckham und seine Frau Victoria erwarten im Sommer ihr viertes Kind. Das Schauspielerpaar Brad Pitt und Angelina Jolie hat sechs Kinder. Und Topmodel Heidi Klum ist inzwischen Mutter von zwei Mädchen und zwei Buben.
Diese prominenten Vorbilder werten das Muttersein auf. «Angelina Jolie oder Heidi Klum verkörpern das Bild einer selbstbewussten, attraktiven Mutter, die trotz beruflichen Engagement das Familienleben in vollen Zügen geniesst», sagt Soziologe Höpflinger. Das rege zum Nachmachen an.
Prominente Bilderbuchfamilien können für normalsterbliche Paare ein Motor sein. Doch kopflos stürzen die sich trotzdem nicht ins Abenteuer Grossfamilie. Eine dritte, vierte oder gar fünfte Schwangerschaft ist meist wohl überlegt. «Häufig sind es gut ausgebildete, wohlhabende Eltern, die sich bewusst für ein weiteres Kind entscheiden», sagt François Höpflinger.
Oder dagegen. So schieben heute viele Frauen den Kinderwunsch zugunsten einer Ausbildung auf. Zwischen 20 und 30 stecken sie alle Energie in die Karriere. Erst danach kommt das Baby. Bei der Geburt des ersten Kindes sind verheiratete Frauen in der Schweiz im Schnitt etwa 30 Jahre alt. 33 sind sie, wenn sie das dritte Kind gebären.
Wie eine biologische Verjüngungskur
Späte Schwangerschaften sind heute keine Seltenheit. Wünscht sich eine Frau zum Beispiel noch einmal ein Baby, nachdem die ersten zwei Kinder bereits im Teenageralter sind, steht dem meist nichts im Weg. Die Medizin hat Fortschritte gemacht. Heute ist eine Schwangerschaft auch im Alter von 35 oder sogar
40 Jahren noch denkbar. Und die kann die Seele der reifen Mutter beflügeln. «Bekommt eine Frau ihr drittes Kind mit 40, wirkt das manchmal wie eine biologische und geistige Verjüngungskur», sagt François Höpflinger.
Das ist nicht alles. Späte Schwangerschaften ermöglichen manchmal auch ein zweites Familienglück. «Oft bekommen geschiedene Eheleute mit ihrem neuen Partner ein weiteres Kind», sagt Zukunftsforscher Georges T. Roos. «So entstehen grosse Patchworkfamilien.»
Dabei empfinden Eltern die Geburt des dritten Kindes meist nicht als besonders einschneidende Veränderung. «Der grösste Sprung ist der von keinem aufs erste Kind», sagt Käthi Kaufmann. «Danach ändert sich nicht mehr viel: Den Aufwasch hat man auch mit zwei Kindern, und das dritte geht einfach noch so mit.» Die Präsidentin der Interessengemeinschaft Familie 3plus (IG 3plus) hat selber fünf Kinder. Einschneidend sei dafür der Sprung vom dritten aufs vierte Kind. «Dann wird es teuer: Man braucht ein grösseres Auto, kann sich keine Ferien in entfernte Länder mehr leisten, und die Kinder müssen sich ein Zimmer teilen.»
Das stellt die Beziehung auf eine grosse Probe. Das Leben als Paar rückt in den Hintergrund. Manchmal findet es kaum mehr statt. Käthi Kaufmann hat in der IG 3plus mehr als einmal erlebt, dass von einer gut funktionierenden Grossfamilie plötzlich nur noch eine alleinerziehende Mutter mit fünf Kindern übrig blieb. «Gerade Väter brauchen eine hohe Frustrationstoleranz», sagt sie. «Von ihnen wird erwartet, dass sie Geld anschleppen und zudem ständig präsent sind. Das überfordert einige.»
Hohe Sozialkompetenz
Doch trotz aller Entbehrungen hält das Leben in einer Grossfamilie auch viele glückliche Momente bereit. «Es ist immer lustig und unterhaltsam und nie langweilig», sagt Käthi Kaufmann. «Dazu kommt, dass sich die Kinder schon früh eine hohe Sozialkompetenz aneignen.»
Das wird auch weiterhin Väter und Mütter dazu bewegen, nach dem zweiten noch weitere Kinder zu bekommen. Der Entscheid wird ihnen zudem leichter fallen, weil sich auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in den letzten zwanzig Jahren verändert haben. Das Angebot an Krippen- und Hortplätzen wurde ständig ausgebaut. Die Frau kann also grundsätzlich weiterhin arbeiten, und die Familie muss nicht zwingend auf das Einkommen der Mutter verzichten.
Zukunftsforscher Georges T. Roos geht davon aus, dass die Tagesstrukturen in Zukunft sogar noch verbessert werden. Denn in den Führungspositionen der Unternehmen mangle es vermehrt an Fachkräften. «Es braucht die gut ausgebildeten Frauen in der Wirtschaft.» Wer sie einsetzen wolle, werde ihnen im Gegenzug ein gutes Betreuungsmodell für ihre Kinder anbieten müssen. «Darum werden sich die Voraussetzungen für kinderreiche Familien wohl verbessern, und der sanfte Trend zu drei und mehr Kindern wird sich fortsetzen.»
Familie Bütler aus Zürich Franziska Bütler, 40, arbeitet zu 20 Prozent in ihrer eigenen Börse für Schwangerschaftsbekleidung. Ihr Mann Philipp ist Softwareingenieur. Zusammen haben sie vier Kinder: Noah, 11, Sämi, 8, Balz, 5, und Mascha, 1½.
Herr und Frau Bütler, warum haben Sie sich für ein drittes und ein viertes Kind entschieden? Wir haben schnell gewusst, dass wir mehr als zwei Kinder haben wollen. Nach dem dritten Kind fühlte sich das Ganze immer noch irgendwie unausgeglichen an: Einer von uns kümmerte sich um zwei Kinder, während der andere nur eines hatte. Also haben wir hin und her überlegt. Und irgendwann kamen wir zum Schluss, dass das Herz entscheiden soll. Dann kam Mascha.
Inwiefern empfinden Sie das Leben mit vier Kindern als Bereicherung? Unsere Kinder haben schon früh gelernt, wie man miteinander umgeht. Das hat ihre Sozialkompetenz enorm gefördert. Wir sind eine lustige und fröhliche Familie. Und es erfüllt mich mit Stolz, wenn ich mit den Kindern unterwegs bin und sagen kann: «Die gehören alle zu mir.»
Worauf müssen Sie als Familie verzichten? Oft fehlt jedem von uns die Zeit für sich selbst, um Sport zu treiben oder Musik zu machen. Häufig kommt auch der Schlaf zu kurz. Wenn die Kinder im Bett sind, erledige ich noch alles, was den ganzen Tag im Haushalt liegen geblieben ist. Dazu kommt der finanzielle Aspekt: Auf Skiferien oder Musikstunden müssen wir regelrecht hinsparen.
Familie Caprez aus Zürich Marc Caprez, 43, ist Mediensprecher. Seine Frau Jeanne Gehrig, 43, arbeitet 50 Prozent als Lehrerin. Zusammen haben sie fünf Kinder: Aljoscha, 15, Vasco, 14, Pablo, 12, Gion, 10, und Anna, 9.

Herr und Frau Caprez, warum haben Sie sich für ein drittes, viertes und fünftes Kind entschieden? Ich wollte immer schon viele Kinder haben. Bei meiner Frau kam der Appetit mit dem Essen. Nach jedem Kind hatte sie Lust auf ein nächstes. Auch die Rahmenbedingungen stimmten: Wir hatten beide immer einen guten Job sowie Eltern und Praktikantinnen, die uns unterstützten. Der Zufall wollte es zudem, dass wir 1999 ein grosses Haus in der Stadt fanden, das genügend Platz für die Grossfamilie bot.
Inwiefern empfinden Sie das Leben mit fünf Kindern als Bereicherung? Jedes von unseren Kindern ist eine eigenständige Persönlichkeit, und es ist spannend mit anzusehen, wie sie sich alle unterschiedlich entwickeln. Für uns ist das Leben ein faszinierendes Abenteuer.
Worauf müssen Sie als Familie verzichten? Auf Ferien in ferne Länder. Eine Reise mit dem Flugzeug nach Amerika für sieben Personen mit Mietwagen und drei Hotelzimmern konnten wir uns nie leisten.
Familie van der Elst Brändli aus Zizers Rachel van der Elst, 35, arbeitet 40 Prozent als Journalistin. Ihr Mann Mathias Brändli, 37,
hat ein 80-Prozent-Pensum als Marketingleiter einer Weiterbildungsschule. Nach Jeroen, 5 und Joalien, 3, erwarten sie im Juni ihr drittes Kind.

Herr und Frau van der Elst Brändli, warum haben Sie sich für ein drittes Kind entschieden? Für uns war die Kinderplanung eigentlich abgeschlossen. Aber Jeroen hat uns umgestimmt. Er erzählte einer Freundin, dass er sich unbedingt einen kleinen Bruder wünsche. Er habe es uns schon so oft gesagt, aber es sei immer noch kein Geschwisterchen unterwegs. Das hat uns zum Nachdenken gebracht, und wir fanden: Da ist noch Platz für ein weiteres Kind.
Inwiefern wird das dritte Kind das Familienleben bereichern? Noch mehr Lärm, noch weniger Schlaf, noch mehr Freude. Im Ernst: Das Baby wird hoffentlich von Anfang an so dazugehören, dass man sich gar nicht vorstellen kann, wie es vorher war.
Worauf werden Sie als Familie verzichten müssen? Unser Budget wird belastet: Wir mussten uns ein grösseres Auto kaufen, und viele Kindersachen mussten wir uns neu anschaffen, weil wir alles schon weggegeben hatten. Und sonst hat sich bei uns eigentlich immer alles im Leben irgendwie ergeben. Wir hoffen, dass das auch beim dritten Kind so sein wird
Familie Brun aus Eglisau Kristina Brun, 37, arbeitet 60 Prozent als stellvertretende Abteilungsleiterin an der Universität Zürich. Ihr Mann Thomas, 51, ist Unternehmensentwickler im Multimediabereich. Sie haben drei Kinder: Aron, 9, Melvin, 7, und Jil, 4.

Herr und Frau Brun, warum haben Sie sich für ein drittes Kind entschieden? Als ich nach Melvin schwanger wurde, war das ein kleiner Schock, denn wir hatten bis dahin nicht über ein weiteres Kind nachgedacht. Doch mit jeder Woche freuten wir uns mehr. Dann folgte der zweite Schock: Ende des dritten Monats verlor ich das Kind. Das war schlimm für uns. Aber es machte auch den Weg frei für Jil. Wir spürten, dass wir noch nicht komplett waren, und entschieden uns nun ganz bewusst für ein Baby.
Inwiefern empfinden Sie das Leben mit drei Kindern als Bereicherung? Wir fühlen uns nun ausgefüllt in unseren Herzen. Unser Alltag ist das pure Leben. Es ist schön mit anzusehen, wie sie als Geschwister voneinander profitieren können und den lebendigen Familienalltag mitgestalten.
Worauf müssen Sie als Familie verzichten? Uns fehlt manchmal die gemeinsame Zeit als Paar, die durch das dritte Kind noch rarer geworden ist. Aufwendig ist oft auch die Organisieren, bis alle Kinder versorgt sind, damit wir arbeiten oder ein gemeinsames Wochenende verbringen können. Es ist schwieriger, drei Kinder unterzubringen als zwei.
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